Manchmal genügt ein einziger Satz, ein Blick oder ein unbedachter Tonfall – und wir fühlen uns tief verletzt, gekränkt. In solchen Momenten meldet sich oft nicht der erwachsene, reflektierte Teil in uns, sondern das verletzte Kind, das in der Vergangenheit schon einmal hilflos, übersehen oder nicht geliebt gefühlt wurde.
Dieses innere Kind kann jede Beziehung stark prägen. Wir reagieren impulsiv, werden wütend, ziehen uns zurück oder versuchen, den anderen zu kontrollieren, ohne dass uns bewusst ist, warum. Oft wiederholen sich diese Muster über Jahre hinweg – mal subtil, mal explosiv – und führen zu Missverständnissen, Distanz und emotionalen Verletzungen.
Wenn alte Wunden die Gegenwart bestimmen
Konflikte in Partnerschaften entstehen häufig nicht durch den aktuellen Moment, sondern durch Erinnerungen und alte Verletzungen. Ein scheinbar harmloser Satz kann Gefühle auslösen, die lange im Unterbewusstsein schlummerten: ein Tonfall, der nach Kritik klingt, ein vergessener Termin, eine nicht bösartig gemeinte Bemerkung, ein Blick, der sich abweisend anfühlt.
Beispiel: Ihr Partner reagiert genervt, weil Sie ihn an etwas erinnern, das er vergessen hat. Sofort fühlen Sie sich übergangen und zurückgewiesen. Das verletzte Kind in Ihnen meldet: „Ich bin nicht wichtig genug, meine Gefühle zählen nicht.“ Die Reaktion kann übertrieben erscheinen, aber sie ist verständlich: alte Wunden werden neu aktiviert.
Oft sind es auch kleine alltägliche Situationen, die Konflikte auslösen: der Partner/die Partnerin räumt nach einem Streit nicht auf, ein Kommentar über die Kinder wirkt abwertend, oder es entstehen Spannungen bei der Haushaltsaufteilung. Jede dieser scheinbaren Kleinigkeiten kann ein Muster von Zurückweisung oder Ablehnung in uns aktivieren.
Diese unbewussten Reaktionen haben eine klare Funktion: Sie zeigen uns, dass alte Wunden noch nicht geheilt sind. Wer sie erkennt, kann bewusst reagieren, statt automatisch in alte Muster zu fallen.
Der erste Schritt: innehalten und fühlen
Heilung beginnt mit einem Moment der Achtsamkeit. Wenn Wut, Enttäuschung oder Schmerz aufsteigen, lohnt es sich, kurz innezuhalten und die eigene Reaktion zu reflektieren:
- Was genau hat mich verletzt?
- Woran erinnert mich dieses Gefühl?
- Ist die Reaktion auf den Partner/ die Partnerin oder auf alte Erfahrungen gerichtet?
- Wie spüre ich diese Emotion körperlich? (z. B. Spannung in der Brust, Kribbeln im Bauch, Zähne zusammenbeißen)
Ein Beispiel: Während eines Familienessens wird ein Kommentar gemacht, der Ihre Selbstwirksamkeit infrage stellt. Sofort spüren Sie Ärger und Scham. Statt reflexartig zu explodieren oder zu schweigen, halten Sie inne und fragen: „Warum verletzt mich dieser Satz so stark?“ Vielleicht entdecken Sie, dass es nicht nur der aktuelle Kommentar ist, sondern Erinnerungen an vergangene Abwertungen in der Kindheit.
Allein diese Reflexion ermöglicht es, Verantwortung für das eigene Gefühl zu übernehmen und bewusst zu handeln. Sie verwandelt das Gefühl von Ohnmacht in eine bewusste Entscheidung: „Ich entscheide, wie ich auf diese Situation reagieren möchte.“
Das verletzte Kind trösten – nicht bekämpfen
Das innere Kind loswerden zu wollen, ist nicht der Weg. Stattdessen geht es darum, zuzuhören, zu trösten und anzuerkennen. Innerlich können wir uns sagen:
„Ich sehe dich. Du bist verletzt, traurig und enttäuscht – und das ist in Ordnung.“
Dieses Mitgefühl für sich selbst wirkt transformierend: Es verhindert, dass alte Verletzungen unbewusst die Beziehung dominieren, und gibt uns Halt, ohne den Partner/ die Partnerin für unsere Sicherheit verantwortlich zu machen.
Ein weiterer Aspekt:
Wenn wir das innere Kind anerkennen, erkennen wir auch, dass wir nicht „überempfindlich“ sind, sondern einfach auf vergangene Wunden reagieren. Diese Selbstanerkennung ist ein erster Schritt, um Schuldgefühle, Selbstvorwürfe oder das Bedürfnis nach Rache zu reduzieren.
Wie wir alte Muster durchbrechen
Wenn wir erkennen, dass unser Partner/ unsere Partnerin oft nur ein Auslöser alter Wunden ist und nicht der eigentliche Gegner, entsteht Freiheit. Ein einfacher Satz kann die Dynamik verändern:
„Als du das gesagt hast, habe ich mich verletzt gefühlt. Es erinnert mich an alte Erfahrungen, die noch nicht abgeschlossen sind.“
Praktische Beispiele aus dem Alltag:
- Ihr Partner/ Ihre Partnerin ist gestresst und reagiert kurz angebunden. Statt zu explodieren, sagen Sie: „Ich merke, dass ich gerade verletzt bin. Können wir später in Ruhe darüber sprechen?“
- Ihr Partner/ Ihre Partnerin kritisiert Sie in Anwesenheit anderer. Statt sich zu verteidigen oder zu schweigen, können Sie sagen: „Ich fühle mich herabgesetzt. Ich möchte das klären, wenn wir allein sind.“
- Nach einem Streit über die Kinderbetreuung sagen Sie: „Ich spüre Wut, weil ich mich übergangen fühle. Lass uns gemeinsam überlegen, wie wir das in Zukunft anders machen.“
Diese bewussten, respektvollen Reaktionen helfen, alte Muster zu durchbrechen und schaffen Raum für konstruktiven Dialog.
Praxisbeispiel: Eskalation und Lösungsperspektive
Ein anschauliches Beispiel aus meiner Praxis zeigt, wie komplex solche Situationen sein können:
Die Frau nahm wahr, dass ihr Mann ihren kleinen Hund an einem kalten Frühmorgen ohne Mantel in den Garten ließ. Besorgt fragte sie ihn, wie er sich draußen nur in Unterhosen fühlen würde – ihre Intention war klar: den Hund zu schützen.
Der Mann reagierte übermäßig wütend und griff sie verbal an. Er behauptete, man dürfe ihm keine Befehle geben, er sei kein kleines Kind – obwohl sie gar keinen Befehl erteilt hatte. Er projizierte seine Vorstellungen und alten Trigger auf sie. Sie fühlte sich gekränkt: Wie erlaubt er sich, sie anzuschreien.
Die Frau entschied sich bewusst, den Raum zu verlassen, um ihre innere Stabilität zu wahren. Später kurz vorm Frühstück schien die Situation kurzzeitig „normal sein“: Er fragte sie nach dem Tee, und sie antwortete ruhig.
Kurz darauf, als sie ihn bat, in ein anderes Zimmer zu kommen, um ihm etwas Interessantes zu zeigen, eskalierte er aus dem Nichts erneut: „Du hast mir keine Befehle zu erteilen! Verschwinde! Gehe zurück zu deiner Mutter!“ Er schrie so laut, dass sie die Fenster schließen musste, um die Nachbarn zu schützen. Die Frau schaute ihn an, wie er außer sich ist, und verstand sie nicht: „Was hat meine Mutter damit zu tun? Wie kann er sich erlauben mich so anzuschreien und verstoßen?“
Analyse:
- Beide Partner sind gekränkt, aber aus unterschiedlichen Perspektiven.
- Er fühlt sich in seiner Autonomie bedroht, interpretiert die Situation jedoch verzerrt.
- Sie fühlt sich ungerecht behandelt, angegriffen und projiziert keine Wut auf ihn, sondern erlebt die Situation als unverständlich und verletzt.
- Wiederholtes Verhalten („Du sollst verschwinden“) erzeugt ein Gefühl von Unberechenbarkeit und Instabilität. Die Frau beschreibt sich wie eine „Stoffpuppe“: mal geduldet, mal abrupt weggeworfen, wenn der Mann getriggert wird.
Lösungsansatz:
Auch wenn der Mann nicht bereit ist, an sich zu arbeiten, gibt es Wege für die Frau, sich zu schützen:
- Innere Klarheit und Selbstschutz
- Sein Verhalten ist nicht gerechtfertigt.
- Eigene Grenzen setzen: Räume verlassen, statt sich auf Anschuldigungen einzulassen.
- Anerkennen: Sie ist nicht verantwortlich für seine Kränkungen.
- Distanzierung ohne Eskalation
- Ruhig bleiben, statt zu reagieren oder zu rechtfertigen.
- Kommunikation nur dann, wenn der Mann ansprechbar ist.
- Reflexion über eigene Muster
- Wahrnehmen, wann alte Muster (Schuldgefühle, Unterordnung) aktiviert werden.
- Sich fragen: „Welche Reaktion möchte ich bewusst wählen?“
- Fokus auf das eigene Wohlbefinden und Selbstrespekt legen.
- Wahrnehmung der eigenen Bedürfnisse
- Klar erkennen, dass sie ein Verhalten nicht länger erträgt, das sie entwertet.
- Priorisieren, dass sie sich selbst schützt, auch wenn der Mann sich nicht verändert.
Dieses Vorgehen ermöglicht es ihr, emotional handlungsfähig zu bleiben, Würde zu wahren und alte Muster zu durchbrechen.
Der Weg der Entschuldigung – Heilung in Beziehung
Ein wesentlicher Schritt zur Heilung ist die Fähigkeit, sich aufrichtig zu entschuldigen. Nicht aus Schuldgefühl, sondern aus Bewusstsein:
„Ich erkenne, dass meine Reaktion aus altem Schmerz kam. Es tut mir leid, dass ich dich dadurch verletzt habe.“
Eine echte Entschuldigung zeigt Verantwortung, lädt zu Versöhnung ein und öffnet die Tür, wieder zueinander zu finden.
Damit eine Entschuldigung wirkt, ist es hilfreich:
- Ruhe zu schaffen, den passenden Moment zu wählen
- Ich-Botschaften zu verwenden („Ich fühle…“, „Ich habe gemerkt…“)
- Zuhören, ohne sofort zu rechtfertigen
Wenn der andere noch nicht bereit ist, die Entschuldigung anzunehmen, setzen Sie einen ruhigen Rahmen:
„Ich merke, dass du gerade Abstand brauchst. Ich bin bereit zu sprechen, wenn du es bist.“
Wenn der Streit laut wird – Grenzen setzen ohne Gegenschlag
Lauter Streit und emotionale Eskalation erschöpfen. Viele sagen: „Ich habe keine Kraft mehr, immer der/ die Vernünftige zu sein.“
Selbstschutz ist hier zentral:
- Nicht auf gleiche Wut reagieren (Wut erzeugt noch mehr Wut)
- Klare Stopps setzen
- Raum verlassen, ohne Drama
Später kann ein ruhiger Einstieg helfen:
„Vorhin war es zu laut, um uns zu verstehen. Ich möchte anders miteinander sprechen. Mir ist wichtig, dass wir beide gehört werden.“
Nicht: Strafe und Rache – Schweigen, Herabsetzen, Nachtreten
Nach einem Streit ist die Versuchung groß, „Recht zu holen“. Kurzfristig kann es Machtgefühl geben, langfristig schadet es.
Heilung braucht Bewusstheit, Mitgefühl und Grenzen – nicht Rache.
Tieferes Verständnis: Das verletzte Kind im Gehirn
Neurowissenschaftlich reagieren wir auf alte Kränkungen ähnlich wie damals, als die Wunde entstanden ist. Das Gehirn speichert Schmerz, Scham und Angst oft unbewusst.
Bewusstheit und Selbstreflexion wirken wie ein „Neustart“. Wir aktivieren den erwachsenen Teil unseres Gehirns und brechen automatische Reaktionsketten.
Paartherapie – professionelle Begleitung
Manchmal ist der Prozess schwer allein zu gehen. In meiner Praxis begleite ich Paare dabei:
- festgefahrene Muster zu erkennen
- Verletzungen zu heilen
- wieder eine Verbindung auf Augenhöhe zu schaffen
Wir betrachten konkrete Konfliktsituationen, erkennen Trigger und alte Muster und entwickeln gemeinsam Strategien, wie beide Partner wieder in Verbindung kommen können.
Wie daraus Wachstum entsteht
Wenn wir Verantwortung übernehmen, verlieren Kränkungen ihre zerstörerische Kraft. Wir wachsen, Beziehungen werden klarer und authentischer. Wir sehen den Partner nicht mehr als Gegner, sondern als Spiegel für Entwicklung.
Fazit
Kränkungen können uns tief treffen – oder tief verändern. Wenn wir das verletzte Kind in uns trösten, Verantwortung übernehmen und offen sprechen, entsteht Heilung. Liebe kann wachsen – auf Augenhöhe, mit Respekt, Akzeptanz und Ehrlichkeit.





